Daham und blöd
Es ist hoffnungslos. Ich gebe auf. Ich mag nicht mehr. Meine Staatsbürgerschaft habe ich schon lange - symbolisch und im Herzen - abgegeben. Diesem Land kann nicht mehr geholfen werden. Dieses Blog dient dazu, die schlechte Entwicklungen in Österreich aufzuzeigen und niederzuschreiben, jedoch ist im Grunde ohne Chance, etwas zu bewirken. Denn die Krankheit, die dieses wunderschöne Land befallen hat, ist vererbbar, nicht auslöschbar, da die Idioten in der Mehrzahl sind. Im Artikel “Die schwarze Seite der österreichischen Seele” beschrieb ich vor wenigen Stunden die aktuelle Situation. Nun hat sie sich innerhalb dieser wenigen Stunden verschärft. Mit Verlaub, wer die Lage noch immer nicht begriffen hat: Wir erleben gerade die Vorstufen möglicher Angriffe gegen islamische Mitmenschen.
Deutschland erlebte in den letzten Wochen schwarze Stunden. Alle paar Tage konnte man Nachrichten von rassistischen und antisemitischen Überfällen im Osten lesen. Bundesweit reagierte man mit Abscheu über diese Vorfälle. Als Ursachen werden Tristesse, Arbeitslosigkeit- und Hoffnungslosigkeit im Osten angegeben, die sich vereinzelt in Ausländerhass aufstaut. Vom politisch-angestachelten Rechtsextremismus ist hier aber keine Rede. Die NPD, die regional nur in Sachsen erfolgreich sein kann, wird als große Schande angesehen, und man versucht, ein neues Verbotsverfahren zu starten. Bundesweit hat die NPD keine Chance: Eine Partei der Wahnsinnigen und der Irren löst bei fast allen Deutschen nur Brechreiz aus. Es ist eine Frage der Moral und der Ehre, diese Partei bei der Bundestagswahl nicht zu wählen. Warum? Weil Deutschenland radikal seine Vergangenheit bewältigte. Nazis und Sympathisanten hatten kaum Chance, sich in Deutschland noch irgendwie durchzusetzen. Gewiss gab es vereinzelte Fälle, doch niemals wäre es möglich gewesen, dass in deutschen Regierungen SS-Offiziere oder andere zwielichtige Gestalten das Glück Deutschlands mitbestimmten. Es mag vielleicht an der deutschen Mentalität liegen, in allen Dingen ziemlich gründlich zu arbeiten und einen sorgfältigen Schnitt zu betreiben.
In Österreich lief es genau umgekehrt. Hier wurde von Anfang an vertuscht, verharmlost und verleugnet, man sah sich als Opfer. Das hatte katastrophale Auswirkungen. Nazis liefen in Ämtern herum, als wäre nie etwas gewesen. Kriegsverbrecher trafen ohne je bestraft zu werden auf der Straße ihre früheren Opfer. Diese Nazis verloren zumeist ihr Gedankengut nie. Allerdings konnten sie nicht mehr ihren Rassismus in ärgster Form verbreiten. Das Deckmäntelchen namens “Man darf ja wohl noch sagen … aber ausländerfeindlich bin ich nicht!” verbreitete sich so rasend schnell in der Bevölkerung und existiert bis heute.
Peter Filzmaier, Politologe, beschreibt es verständlicher, was ich meine:
Das wahre Problem ist, dass die gesellschaftspolitische Gefahr der Fremdenfeindlichkeit mittlerweile wenig bis nichts mit der blau-orangen Kernklientel zu tun hat. In der Politikwissenschaft belegen das Focus-Groups als moderierte Gesprächsrunden: Da sitzt beispielsweise ein bürgerlicher Städter, der sein liberales Mäntelchen zur Schau trägt. Nach einer halben Stunde behauptet dieser ÖVP- oder nicht selten Grün-Präferent zu sein.
Zur Sozialpolitik leiert er brav pseudosoziale Sprüche herunter. Dasselbe gilt für den Arbeiter und SPÖ-Anhänger, der etwas deftiger formuliert. Nur beim Ausländerthema kippt jeweils die Stimmung, und der Forscher im Nebenzimmer ist fassungslos. Da fallen Aussagen, die von ihrem versteckten Inhalt her Heinz-Christian Strache bei einer Marktplatzrede womöglich zu gewagt wären.
Das Teuflische ist der durchaus sympathische Tonfall und eine verklausulierte Wortwahl als Unterscheidung zu Strache. Stets wird betont, dass sich Radikalforderungen von Abschiebung bis Überwachungsstaat nur gegen einen minimalen Teil der Ausländer richten sollten. Dummerweise scheint nach dem Volksmund der meisten roten, schwarzen oder gar grünen Wähler dieser Teil ausnahmslos in Österreich zu leben.
Das bedeutet, dass eine latent fremdenfeindliche Kommunikation der Politik nicht allein für FPÖ und BZÖ zum Punktesammeln dient. ÖVP und SPÖ und theoretisch auch Grüne müssen bei strategischer statt ethischer Überlegung genauso auf den fahrenden Zug aufspringen. Rund zwei Drittel der Österreicher vertreten in den Bereichen Asylpolitik und Integration klare Mitte-rechts-Standpunkte, obwohl nur knapp über 50 Prozent Mitte-rechts-Parteien wählen.
Und dummerweise hat diese Idiotie eine politische Vertretung - FPÖ/BZÖ. Ich sagte es schon oft, ich wiederhole mich gern: Eine Partei wie die FPÖ ist in Deutschland bundesweit niemals möglich. Eine Partei, dessen Chef einst mit Neozazis im Wald herumhopste, wäre schon längst vom Verfassungsschutz beobachtet worden. Eine Partei, dessen Chef mit Fackel in der Hand inmitten der verbotenen Wikingjugend feiert, würde selbst von der “Bild” fertig gemacht werden.
In Österreich ist die FPÖ normal. Sie sagt schließlich nur, was sich die Mehrheit der Österreicher denkt, was sie von den Nazis in der Nachkriegszeit in die Wiege gelegt bekommen hat. Viele sind aber so hinterhältig, sich nicht offen für die FPÖ zu deklarieren. Erst bei der “schwarz-blauen” Wende kam es zum ersten allgemeinen Schulterschluss, und die Gefährlichkeit der “I hob jo nix gegen Ousländaaaa, oba da sind jo so vü Kriminöööö”-Gesellen konnte man breitenwirkend beobachten.
Seit der “schwarz-blauen” Wende wurde die einst liberalkonservative ÖVP rechtskonservativ.
Man schaute sich einiges von der FPÖ ab, in Sachen Asylanten, Ausländer und Muslime. Nur macht man das alles ein bisserl sanfter und intelligenter verpackt als der Zahntechniker.
Die SPÖ weiß natürlich über die sozialdemokratischen Gemeindebauarbeiter, die manchmal durchaus die schlimmsten Rassisten sein können, und verhält sich meistens still und sagt nichts. Das sind Verhältnisse, die in anderen Ländern undenkbar wären: Null Zivilgesellschaft, null Courage - Nix entgegenzusetzen. Irre Lehren und idiotisches Gedankengut hat freie Fahrt. Keine Chance auf Heilung.
Weiter Peter Filzmaier:
Im Grunde handelt es sich um Unkundige, deren Meinungen von Wissen über den Koran unbeeinflusst sind. Viele kennen nicht einmal Moslems. Authentische Bezugspunkte mit islamischen Ländern beschränken sich auf Sonne, Strand und Meer plus Alkohol in einem türkischen Hotel. Halbgebildete haben zusätzlich ein paar Fachausdrücke über den Islam vom Lesen Karl Mays aufgeschnappt. Da waren meist Sunniten gut und Schiiten böse, doch im Grunde alle im Vergleich zu den heldenhaften Deutschen minderwertig.
Es klingt banal und ist kurzfristig keine Lösung: Doch Langzeitprogramme gegen Terror und Antiislamismus sind nicht in der Sicherheitspolitik, sondern allein in der Bildung zu finden. Vielleicht wäre Religion als Pflichtfach in Schulen und in der Erwachsenenbildung ein Anfang. Nicht für den eigenen Glauben natürlich, sondern über fremde Glaubensbekenntnisse.
Kein Wunder also, wenn sich in der aktuellen Atmosphäre rund um die 3 Islamisten, kleine Fische der Terroristenwelt, die Lage ganz gezielt zuspitzt und dramatisiert wird. Endlich kann man schließlich noch mehr hetzen als sonst, nicht? Da schaut selbst die “Krone” wie ein harmloses Blattl aus.
Folgendes ist im “Standard” zu lesen:
„Ausländer raus!”, brüllt ein kahlköpfiger Mann mit geballten Fäusten und ausgestrecktem Mittelfinger in Richtung einer türkischen Familie, die aus dem Fenster auf den Demonstrationszug hinab schaut. „Was soll das alles?”, entgegnet ein Türke, der den Protestmarsch vom Eingang seines Ladens aus beobachtet. Die Antwort kommt von einem nicht weiter auffallenden Demonstranten: „Komm raus, wenn du dich traust!”, schreit er. Der traurige Kommentar des türkischen Geschäftsmanns: „Dieser Mann kauft fast jeden Tag bei mir ein.”
Diese Szene, die sich während der Demonstration Donnerstagabend gegen den Ausbau eines islamischen Zentrums in Wien-Brigittenau abspielte, zeigt die Stimmung, die durch die Anwesenheit von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und zahlreichen Vertretern der rechtsextremen Szene noch aufgeheizt wurde.
Eine „neue Dimension” des Auftretens rechter Gruppierungen wie der AFP (Arbeitsgemeinschaft für Politik) und der NVP (Nationale Volkspartei) konstatierte am Tag danach Heribert Schiedel vom Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW). Problematisch sei vor allem, dass sich „Neonazi-Szene und FPÖ an die Spitze eines aufgehetzten Mobs” stellten. Dass Demonstranten mit „Sturmwehr”-Shirts auftraten und Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand” skandierten, ist für FP-Chef Strache kein Problem: „Bei einer freien Kundgebung ist es immer möglich, dass Vereine dazustoßen, die ihre Sache vertreten”, sagte er zum Standard. „Die Menschen haben sich rechtschaffen verhalten und sich nichts zu Schulden kommen lassen.”
Wann wohl der erste Moslem von den “I hob eh nix gegn Ouslända, oba ….”-Gesellen zusammengeschlagen wird?
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Ich glaube, hier in Deutschland gibt es grundsätzlich das gleiche Problem. Die tägliche Berichterstattung vermittelt ständig das Bild vom gefährlichen, kinderfressenden terror-Muslimen und bemüht sich nicht im geringsten, dieses Bild in vernünftige Relationen zum gemäßigten Islam zu setzen. Das Allgemeinwissen im Bezug auf den Koran strebt gegen Null, und selbst für einen politisch interessierten Menschen ist es mitunter schwierig, sich adäquat und vor allem Vorurteilsfrei zu informieren. Ich habe auch noch nie davon gehört, dass das Problem der schlecht Informierten, und daher leicht manipulierten Bürger in irgend einer Weise angegangen werden soll. Eher noch werden die entstehenden Ängste ausgenutzt, um verschärfte “Sicherheits-”gesetze durchzuboxen. (allerdings kann ich da auch einfach schlecht informiert sein)
Was die “Volksseele” am überkochen hindert ist - nach meiner volkommen subjektiven Einschätzung - nur eine seid 1945 geschickt suggerierte Scham vor dem Ausländerhass. Ich bezweifle, dass der durchschnittliche Deutsche dem Österreicher moralisch überlegen ist oder eine größere Einsicht genießt. Hierzulande sind nazi-vergleiche nur halt immer noch killerargumente, und kaum einer würde dort Angriffsfläche riskieren.
“Vereine, die ihre Sache vertreten” nennt Strache die Nazis. Und dieser Mann sitzt nicht im Häfen, sondern darf Poltik machen? Da kocht in mir auch der Hass hoch.
Schlecht wird mir aber auch, wenn ich zB im aktuellen Sandard den Bericht über österreichische Konvertiten lese, die aus ihrer Radikalauslegung des Korans keinen Hehl machen und fröhlich antisemitische und antiamerikanische Statements von sich geben.
Was wir bräuchten wie einen Bissen Brot wäre eine offensive und lautstarke Verteidigung der Europäischen Werte, zu denen weder ein politischer Islam, noch Nazis passen. Doch wohin man derzeit auch blickt: Es herrscht das große Vereinfachen und die Radikalen aller Lager fangen schon (wieder) damit an, jeden Menschen entweder als Kampfgenossen zu vereinnahmen oder aber als Feind abzustempeln.
Die aktuelle Gefahr besteht aber tatsächlich darin, dass die Hetze von FPÖ/BZÖ und Teilen der ÖVP zu Übergriffen gegen Menschen muslimischen Glaubens führt. Hier glüht eine Lunte zu einem Fass voller Schrecknisse, deren Wiederkehr ich nicht für möglich ehalten häte.
lindwurm: was sind “europäische Werte”? Wenn ich mir die europäische Politkultur ansehe, dann finde ich alles, vom Faschismus über Nationalismus, Sozialisten aller Couleur, Anarchisten, Stalinisten, …
Die Phrase “europäische Werte” ist doch genauso hohl wie die der “deutschen Leitkultur”: eine Phrase ohne Definition, jeder meint zu wissen, was sie beschreibt, aber niemand bringt eine Definition vor, durch die dann auch alle Europäer “ihre” Werte vertreten sehen (Europäer? Wer ist das überhaupt?!).
Ich kann mir allerdings ziemlich genau vorstellen, was gemeint ist: Da wären im wesentlichen religiöse Selbstbestimmung (und in dem Zusammenhang auch Säkularisierung), die freiheitlich demokratische Grundordnung, Rechtsstaatlichkeit, die Emanzipation, aufklärerisches Gedankengut usw. Und auch wenn es bedauerlicherweise teilweise Ausrutscher in verschiedene Extrema gibt glaube ich, dass sich diese Prinzipien durchaus auch unter dem Begriff “europäische Werte” zusammenfassen lassen.
Beim Wort Leitkultur verspüre ich doch etwas Übelkeit. Das ist ein so arrogantes, beherrschendes, unsympathisches Wort, gepaart mit Nationalismus und Chauvinismus. Leute wie Missethon sind gar nicht willig, sie zu definieren. Da kommt schon in Verdacht, dass Muslime künftig in Lederhosen herumhüpfen sollten, damit der Missethin keinen Kulturschock erleidet.
Allerdings möchte ich hiermit auf den Kern meines Postings hinweisen, der gar nicht über die Leitkultur handelt. Es geht vor allem darum, dass dieses Land wie kaum ein anderes in Europa einen ganz eigenartigen, speziellen, und latenten Rassismus betreibt, der ungewöhnlich in vielen Schichten verbreitet ist und bei der aktuellen Situation immer unerträglichere Höhen erreicht.