Die Hermans da draußen

Die Hermans da draußen sind vorhanden. Die Hermans da draußen jubeln innerlich über Eva Herman und geben ihr am Stammtisch des Wirtshauses von gegenüber recht. Die Hermans zeichnen sich durch Verblödung, Nichtwissen, Gewissenlosigkeit, Stammtischpopulismus und Zynismus aus, und das Schlimme: Sie merken es nicht, weil sie selbst dazu zu blöd sind. Es feht Gehirnschmalz, es fehlt die Fähigkeit der historischen Analyse, weil man so etwas heute nirgends mehr lernt. Die Faktenprügelei im durchschnittlichen Geschichtsunterricht, um den Stoff durchs Schuljahr zu vergewaltigen, lässt natürlich keine Analyse historischer Ereignisse zu, dabei wäre dies genau das, was das Lernen aus der Geschichte erst möglich macht.

Weil ich auch so etwas lerne, was eh keiner braucht, nämlich Geschichtswissenschaft (Ja genau, eine Vorbildung für den Taxifahrschein, liebe heutige Wirtschaftsbildungsbürger!), bin ich nun bereits am Anfang meines Studiums in der Lage, die Hermans dort draußen als abartig zu entlarven. Abartig ist es, immer wieder die tollen Autobahnen, den 1. Mai, die Allgemeine Wehrpflicht aus dem braunen Sackerl hervorzuholen, wenn die Gehirnsynapsen nicht mehr richtig funktionieren und man in einer ernsthaften Diskussion geistig überfordert ist. Die Hermans da draußen sind nicht in der Lage, zu begreifen, dass praktisch alle Schritte, seien sie auch noch so “klein”,  einerseits zur Systemerhaltung und Systemausweitung des Nationalsozialismus dienten, und viele von ihnen einem ganz klaren Ziel dienten: Vorbereitung zum Krieg, hin zur “sakralen Erlösung”.
Warum wurden die Autobahnen gebaut? Nicht, damit 60 Jahre später der Rudi, der Hitler für die Autobahnen lobt, so schön mit hohem Tempo über die Autobahnen brausen kann, sondern für reinste Propagandazwecke, um die Fortschrittlichkeit Hitler-Deutschlands vorzugeben. Hitler war aber nicht Erfinder der Autobahnen, die Entwicklung begann schon Jahre zuvor. Letztlich war Hitlers Hauptautobahn bei Kriegsbeginn aber nur 3300 Kilometer lang (!!!), für Kriegsmaschinerie wurde sie kaum benutzt, die Autobahnen waren meist Bahnen ohne Autos.
Gebaut wurden die Autobahnen mit der Hilfe von ca. 125.000 Zwangsarbeitern, dass heißt Juden, Homosexuelle, Kommunisten, Sozialisten, Roma und Sinti, Einheimische etc., die wie der reinste Dreck behandelt wurden. Die Arbeitsbedingungen waren grauenhaft, die Aufpasser machten sich einen Spaß, die Zwangsarbeiter zu quälen, und Erschöpfungstode waren an der Tagesordnung. Noch dazu starben viele an Hungertyphus, eine Typhusform, die bei bei Hungernden auftreten kann.

Wenn also die Hermans da draußen von den tollen Hitler-Autobahnen schwärmen, um ihre erbärmlichen “Des woa eh net so schlimm!”-Fantasien zu befriedigen, dann spucken sie auf alle 125.000 Zwangsarbeiter, und auf alle jene, die während des Baus gewaltsam oder wegen einer Krankheit ums Leben kamen.
Aber die Hermans da draußen sind unverwüstlich, und unsterblich, denn der Wahnsinn stirbt nie.

Veröffentlicht in: on Oktober 10, 2007 at 8:39

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3 Kommentare Leave a comment.

  1. On Oktober 11, 2007 at 9:17 Anonym Said:

    Davon abgesehen, dass die Autobahn nichtmal die Idee von Hitler war - die erste Autobahn in Deutschland wurde 1929 gebaut.

  2. On Oktober 12, 2007 at 7:12 lindwurm Said:

    Du verharmlost “die Hermanns da draußen”, wenn du denen Dummheit unterstellst. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer, in Wirklichkeit finden gar nicht wenige (und leider wieder zunehemd mehr) Leute nicht nur die Familienpolitik der Nazis gut.

  3. On Oktober 12, 2007 at 11:34 Fritz_Liberal Said:

    @lindwurd: stimmt, nicht nur die Familienpolitik. Etwa auch das Waffenrecht. Zahlreiche heutige Politiker, vor allem linke (allen voran die Grünen) wünschen sich die Einführung des gleichen Waffenrechtes wie unter den Nazis: privater Schusswaffenbesitz soll verboten sein, nur die Polizei und das Militär sollen Waffen haben dürfen. Sehr bedenklich, zeigt, dass zahlreiche heutige Unbelehrbare doch immer wieder angeblich positive Aspekte der Nazizeit glorifizieren.

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