Der fundamentale Alltagsrassismus

Die Seitenform des Alltagsrassismus im Bereich des Rassismus ist schlimmer und gefährlicher als der Rassismus selbst, da der Rassismus selbst in einer aufgeklärten Welt massiv bekämpft wird. Der Alltagsrassismus ist aber nicht so offensichtlich, sondern verdeckt, weil er “common sense” ist und nicht als “Rassismus” betrachtet wird. Alltagsrassismus kommt in allen Nationen vor, in manchen mehr, in anderen Nationen weniger. Je weniger ein Land bereit dazu ist, zu akzeptieren, das man ein Einwanderungsland ist, desto höher ist der Alltagsrassismus.
Die Verfassung, das Grundgesetzbuch des Alltagsrassismus, ist das stillschweigende Übereinkommen der Einheimischen - eine brutale Umsetzung des Credos “survival of the fittest”, indem das Recht der Einheimischen als Recht des Stärkeren instrumentalisiert wird. Der Einwanderer ist Konkurrent und wird deshalb mit aller List und Tücke in seiner Selbstverwirklichung behindert.
Kein vernünftiger und gebildeter Einwanderer wird angesichts der Aussagen der Frau Winter in Tränen ausbrechen - Doch nichts schmerzt naturgemäß Menschen mehr als das Gefühl, im Grunde genommen nicht gewollt und wertloser zu sein als die einheimischen Menschen, egal, was man auch dagegen machen kann. Ein “ic” am Ende des Namens kann schon in unseren Gestaden der Grund dafür sein, bei der Bewerbung keine Chance zu haben. Ein etwas dunkleres Aussehen kann schon genügen, um als gefährlich angesehen zu werden. Kommt ein dunkelhäutiger Mensch in ein Cafe, kann es passieren, dass die Einheimischen schnell zur Sicherheit automatisch sorgenvoll ihre Geldbörse abtasten.

Gestern ging ich mit einer Studienkollegin bosnischer Herkunft zum Stadtbummel in die Stadt Salzburg.  Meine Studentinkollegin lebt seit 22 Jahren in Österreich und ist hier geboren. Äußerlich sieht man es ihr nicht an, dass sie ein Kind von Einwanderern ist. Nur ihr Name mit einem “ic” am Ende könnte eventuell darauf hinweisen.
Sie hatte eine spezielle Zeitung bestellt, die sie für ihr Studium dringend benötigte. Übrigens ist sie eine absolute Elitestudentin und schreibt nur Einser.
Nun wollte sie mit mir ihre erwartete Zeitung am Kiosk abholen. Mit der Vorstellung ihres Namens informierte sie die Verkäuferin über ihre Bestellung. Bis zur Vorstellung war die Verkäuferin durchaus nett. Doch mit Bekanntgabe ihres Namens veränderte sich der Ton der Verkäuferin dramatisch. Ein Ton, der zeigte, das sie es plötzlich als lästig empfand, eine Person mit einem “ic” am Ende zu bedienen. Als wir uns abwanden, konnten wir noch ein gemurmeltes “Wos wü die denn mit dieser Intellektuellen-Zeitung anfangen? Die verstöht des eh nit! Hoho!” hören.

Ich habe mich bemüßigt gefühlt, mich stellvertretend für diese Person bei meiner Kollegin zu entschuldigen. Aber sie erlebt solche Situationen ohnehin jeden Tag, erklärte sie mir.

Bedrückend.

Veröffentlicht in: on Januar 19, 2008 at 4:48

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6 Kommentare Leave a comment.

  1. On Januar 19, 2008 at 4:59 Markus Said:

    Wenn ich mir die Wahlplakate in Graz ansehe, ja dann wird mir schlecht. Aber es sind nicht nur die Plakate, sondern der hier geschilderte Alltagsrassismus der anscheinend trotz Aufklärung, trotz “unserer” Geschichte nicht überwindbar scheint. Aber es ist kein österreichisches Spezifikum, scheint an der grundsätzlichen Struktur des Menschen zu liegen.

  2. On Januar 19, 2008 at 5:04 lindwurm Said:

    Deine Bekannte sollte nach Kärnten umziehen, denn dort gilt ein “-nik” oder “-nig” am Ende des Namens als Ausweis für einwandfreies “Deutschkärntnertum” ;.)

    Ernsthaft: Es ist ein Wahnsinn, was in Österreich alles an Rassismen möglich ist und akzeptiert wird. Und das mit Kärnten war wirklich nur ein Witz, denn:

    http://lindwurm.wordpress.com/2008/01/19/haider-blast-zur-menschenjagd/

  3. On Januar 19, 2008 at 6:22 schadenmeldung Said:

    Natürlich erlebt deine Freundin das jeden Tag. Das ist ja das Österreichertum wie es leibt und lebt: Xenophobie gepaart mit Neid.
    Leider!

  4. On Januar 20, 2008 at 12:01 Lukas Said:

    Ein bisschen Off-Topic: Welche “Intellektuellen-Zeitung” bestellte denn Deine Bekannte extra, wenn man Fragen darf?

  5. On Januar 20, 2008 at 12:50 Michael Said:

    Der eigentliche Skandal ist, dass das der “common sens” von wegen ““Wos wü die denn mit dieser Intellektuellen-Zeitung anfangen?” statistisch gesehen ja stimmt. Ich habe in meinem Berufsleben nur dann was mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun, wenn der Paketdienst oder die Putzkraft kommt. Das Österreichische (oder eigentlich ist das glaub in ganz Europa so) Migrations-System ist darauf ausgelegt, ein paar armen Schluckern aus Mitleid ein paar Brotkrumen hinzuwerfen.

    Die Vorstellung, dass die Einwanderung in erster Linie ein Almosendienst ist, ist so verinnerlicht, dass es offensichtlich noch keinem Politiker aufgefallen ist, dass das Arbeitsverbot während des (oft jahrelangen) Asylverfahrens für jeden Menschen, der es gewohnt ist einer Arbeit nachzugehen eine Katastrophe sein muss. Und sobald es um die Blue Card geht, zerbrechen sich die Politiker den Kopf darüber, ob die dringend gebrauchten Facharbeiter dann auch Anspruch auf Sozialleistungen haben.

    Dass die Zuwanderung auch so gestaltet werden könnte, dass aus den Zuwanderern ein Mittelstand entsteht, der sich dann nicht nur selber trägt, sondern Österreich effektive Wettbewerbsvorteile bringen könnte, geht über den Horizont der meisten Politiker. Dazu müsste nämlich das jetzige Einwanderungssystem (jeder der politisch Verfolgt wird und die Gängelungen des Verfahrens mit einer Eselsgeduld ertragen kann, bekommt Asyl) radikal geändert werden. Und der eine oder andere (Gut)mensch müsste sich damit abfinden, dass er nicht nur am Kebab-Stand auf Einwanderer trifft, sondern dass er so einen als Chef bekommt.

  6. On Januar 22, 2008 at 10:04 Urban Said:

    Zitat Relator: “Ich habe mich bemüßigt gefühlt, mich stellvertretend für diese Person bei meiner Kollegin zu entschuldigen”

    Diese Person hatte nicht vor, sich bei deiner Kollegin zu entschuldigen. Wofür entschuldigst DU DICH dann eigentlich???

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