Old Austria

Als Donald Rumsfeld halb Europa als “old europe” bezeichnete, weil einige Länder die Frechheit besaßen, nicht einer Kriegslegitimationslüge nachzulaufen, war diese Bezeichnung schon ein Kompliment. Dass eine etwas abgewandelte Bezeichnung im anderen Zusammenhang gar nicht mal so dumm ist, hat man im ORF-Club 2 gesehen, als die ÖVP nach dem “Kriegsminister” Kuckacka einen vergessenen Alt-ÖVP Haudegen namens Lichal an die Front schickte, und damit ihn und die ÖVP in ihrer peinlichen Verteidigungsstrategie rund um die Causa Haidinger mehr als blamierte. Lichal und Co. repräsentieren momentan das “Old austria”, unerträglich, verfroren, und veraltet zugleich.


Vaterlandsverräter
Lichal, ehemaliger Verteidigungsminister, konnte in der Sendung kaum an sich halten, als er “seine Beamten” vor den Vorwürfen schützen wollte. Man dürfe nicht verallgemeinern, hielt er allen Diskutanten jedes Mal während den Kritikpunkten entgegen, wobei komischerweise niemand in der Runde die Beamtenschaft pauschal verunglimpfte.
Florian Klenk, ein junger hoch begabter Journalist, der leider in Österreich komplett unbekannt ist, führte mit einer logischen Argumentation die Probleme der österreichischen Parteienvetternwirtschaft aus, was Lichal dann zur Explosion brachte. Klenk und seine Kollegen würden ganz Österreich beleidigen und niedermachen.
Darauf meinte Klenk, Lichal personifiziere das alte Österreich, und wolle wie so viele schon zuvor, jede Kritik als Vaterlandsverrat denunzieren. Chapeau, lieber Herr Klenk!
Vertuschen, leugnen, klein reden, die Aufmerksamen denunzieren - Das sind die Parameter von jenen, die “old Austria” repräsentieren.

Old boss walking
Jedenfalls konnte man anfangs der Woche gut sehen, wer noch der wahre Chef der ÖVP ist. Nicht Willi M., sondern Wolfgang Schüssel. Es war recht skurril anzusehen, wie sich der ehemalige Bundeskanzler derart medial ins Zeug legte. Zuerst war der Schlögl schuld, dann die ganze SPÖ, dann der Haidinger - die Verwirrung war groß, aber eines konnte man sich sicher sein: “Seine” ÖVP sei für alle Ewigkeit über alle Vorwürfe erhaben.
Und der mögliche Untersuchungsausschuss wäre eh nichts anderes als ein “Tribunal”, wie er in mehreren Auftritten betonte.
Doch dann verschwand er plötzlich wieder, denn immer neuere Vorwürfe kamen an die Öffentlichkeit, die Aufklärung ist bereits dank einiger junger Staatsanwälte - new Austria - angelaufen und selbst Schüssel musste wohl einsehen: The game is over.

Früher war doch einiges besser
Im “Club 2″ wurde zum Beispiel betont, dass frühere Beamte in den Ministerien so etwas wie politische Ethik, Moral, Ehre inne hatten. Heute würden die Ministerien voller Yuppies sein, die nicht für den Staat, sondern für die Parteien arbeiten würden.
Siehe den Lucona-Fall. Als der SPÖ-nahe Society-Held und Millionär Proksch vor vielen Jahren für einen Versicherungsbetrug mordete, wurde er von gewissen SPÖ-Kreisen auf vielfältige Weise unterstützt.
Was war die Folge? Kein jammern, kein verhehlen, kein leugnen - Politiker wie Karl Blecha oder Gratz mussten frühzeitig ihren Hut nehmen, Proksch wurde rechtmäßig verurteilt und starb im Gefängnis.
Rücktritt? Das wäre heute für viele Politiker in Österreich bei Verfehlungen - undenkbar. Schließlich arbeitet man viel mehr für sich und die Partei, als für Österreich.

Junge, gedankenverlorene Parteisoldaten
Man sollte den Fehler nicht machen, “old Austria” mit alten Menschen gleichzusetzen. Es ist vor allem die junge Politikergeneration, frisch aus der Parteiakademie kommend, die das Freunderlsystem in den Behörden parteitreu fördert. Sie sind die Auführenden, die für die Altvorderen die Drecksarbeit leisten. Für sie ist die platonsche Lehre der politischen Ethik ein Fremdwort.

Todesangst
Was in dieser Affäre aber am bedenklichsten stimmt und nicht untergehen sollte, ist die Todesangst, in der sich der Zeuge Haidinger offenbar zeitweise befand. Ein Mitarbeiter namens Schneider berichtete davon, dass Haidinger gar 2 Briefe an Schneider übergab, mit Beweismaterial, weil er befürchtete, es könnte etwas passieren.

Todesangst vor Behörden? Und das in Österreich? Nicht zu fassen.

Veröffentlicht in: on Februar 16, 2008 at 1:23

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3 Kommentare Leave a comment.

  1. On Februar 16, 2008 at 5:23 maschi Said:

    Der Ansatz mit “Old Austria” zu argumentieren, ist kreativ, aber letztlich bringt er nix, wenn man die sich daran automatisch anknüpfende Assoziation dann mit “Man sollte den Fehler nicht machen, “old Austria” mit alten Menschen gleichzusetzen.” einschränken muss.

    Und diese Einschränkung muss man auch tatsächlich machen. Denn früher war zwar überhaupt nicht alles besser. Aber was ich doch glaube beobachten zu können, ist, dass es früher dann und wann auch Politiker gab, die für Werte standen und vor allem auch menschlich zutiefst integre Charaktere waren. Mir fällt auf Anhieb kein aktueller Vertreter der sogenannten staatstragenden Parteien ein, den ich hinsichtlich seiner Charakterstärke zB mit Good old Heinrich Neisser (ÖVP) oder Good old Ferdinand Lacina (SPÖ) gleichsetzen würde.

    Ich denke es gibt hier ein Strukturproblem: Die Besten gehen heutzutage nicht mehr in die Politik. Und das dürfte früher tatsächlich ein wenig anders gewesen sein… Wer eigenständig denken kann, will seine Individualität heute auch ein wenig ausleben können - und dieser Wunsch steht im diametralen Gegensatz zum strukturell einbetonierten Parteienkadavergehorsam. Erst wenn sich in diesem Bereich etwas bewegt, werden auch wieder wirklich gute und leistungsfähige Köpfe nachrücken…

  2. On Februar 17, 2008 at 12:22 Tom Schaffer Said:

    2 anmerkungen:

    1. klenk ist glaube ich jedem an journalismus nur halbwegs interessierten österreicher ein begriff. am vize-chef vom falter, einem redakteur der “zeit” und einem der führenden vertreter des investigativen journalismus in diesem land kommt man jedenfalls nur schwer vorbei. von “völlig unbekannt” würde ich zumindest nicht sprechen.
    2. ich glaube nicht, dass lichal von der övp “geschickt” wurde. der klub 2 dürfte in seiner einladungspolitik nicht über die parteien nach leuten suchen. das hielt den mann freilich nicht davon ab, die standard-ausrede der övp seit ungefähr 65 jahren zu benutzen: “jetzt tuns net immer alles schlechtreden”. das kommt eigentlich immer wenn irgendwas schiefläuft…
    3. volle zustimmung zum rest.

  3. On Februar 17, 2008 at 3:45 Michael Said:

    Zur Todesangst:
    1. Nur weil sich einer Verfolgt fühlt, heißt das noch lange nicht, dass da tatsächlich was dran ist.
    2. Soweit ich weiß (wie gesagt, ich hab den Überblick verloren, falls jemand von einer Zusammenfassung des “Haidinger-Gate” weiß, mir bitte Melden) kommt die Behauptung ausschließlich von Gerhard Schneider, und wurde von Haidinger selbst (noch?) nicht bestätigt.

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