Um Gottes Willen – Über Küng und einige verwirrte “Standard”-Leser
Dass Männer der Kirche nicht unbedingt gute Journalisten sein müssen, haben Krenn und Schönbörn in der Krone schon reichlich bewiesen.
Warum aber ausgerechnet ein als liberal geltender, kirchenkritischer Theologe seine erschreckenden, konfusen und weltfremde Ansichten in einer österreichischen Qualitätszeitung veröffentlichen darf und dafür auch noch vom “Standard” langfristig engagiert wird, ist hiermit eine entscheidende Frage. Bloggerkollege “Lindwurm” hat die Causa bereits analysiert, insofern erspare ich mir eine genauere Konfrontation.
Es ist ja nicht so, dass ich dem Herrn Küng verbieten möchte, seinen Stuss per Leserbrief verbreiten zu können. Doch das ausgerechnet jene Zeitung, die ich fast schon einmal aufgrund ihrer Ausnahmestellung in Österreich als Heiligtum verehrte, einen Mann mit antiamerikanischen und kruden antiisraelischen Thesen als regelmäßigen Kolumnenschreiber unter Vertrag nimmt, bereitet qualitätsbewussten Lesern Schmerzen.
Illusionslos
Ich mache mir keine Illusionen: Küng lässt mit seinen Worten viele “Standard”-Leser jubeln. Mich, der Antiamerikanismus als DEN breit akzeptierten Rassismus unserer Zeit neben Moslemhass empfindet, stimmt dies betrübt.
Der “Standard” zieht zwar meistens sehr gut ausgebildete Leser aus dem linksliberalen Spektrum an, dass gute Bildung aber nicht vor Torheiten und Unsinnigkeiten schützt, beweisen die erschreckenden Foreneinträge auf derstandard.at in vielen Themenbereichen.
Unter deutschen Intellektuellen gehört es noch immer zum guten Ton, den USA, dem riesigen Staatengebilde jenseits des Atlantiks, souveräne Verachtung zu beweisen. Der Antiamerikanismus ist noch immer im Schwange, fast möchte man sagen: eine Sache der Reputation. Moralisch, psychologisch, politisch.
Rudolf Pörtner
Kampf gegen den “Satan”
Wenn ich mich über Österreich gut informieren möchte, benutze ich noch immer den “Standard”. Die Berichterstattung ist sehr gut, die meisten Kommentatoren wie Lendvai und Rauscher sind für mich ein Muss.
Doch jedes Mal, wenn ich online runterscrolle und auf Forenbeiträge stoße, vergeht mir die Lust, den “Standard”-online zu benutzen. Hier zerbricht meine Illusion einer bürgerlich-gebildeten “Standard-Leserschaft” - Sie existiert schlichtweg nicht.
Dieser Teil der Leserschaft kann nicht mit der eigentlichen Qualität der Zeitung mithalten. Der intellektuelle Unterschied zwischen den durchschnittlichen “Krone”- und “Standard”-Lesern ist der, dass die “Krone-Fans” in der Tat weniger wissen, auf eine paranoide Weise ihre Angst vor Ausländern/Asylanten/EU bestätigt haben wollen und mit einer 2 Seiten-Propagandaberichterstattung zufrieden sind. Einige “Standard”-Leser können aber ebenso hassvolle Menschen sein. Hass gegen den “Satan” namens Amerika, der mittlerweile den Hass auf Israel und die Juden schon längst verdrängt hat.
Nervende Borniertheit
Dieser Teil der Leserschaft hat es sich zum Hobby gemacht, die USA zum Sündenbock zu stilisieren. Alles, was die Vereinigten Staaten machen, ist falsch, muss einen verschwörungstheoretischen Hintergrund haben - einige Poster lieben es, alle Artikel über Amerika auf “derstandard.at” zu terrorisieren, indem sie ihre peinliche und atemberaubende Borniertheit öffentlich zur Schau stellen.
Mit normaler USA-Kritik hat das alles nicht zu tun. Das Weltbild über die USA geht nicht über ein “die Amis sind deppert, wissen nicht, wo sie auf der Landkarte zu finden sind” hinaus. Wo hier der Unterschied zu verblödeten rechten Bemerkungen wie “Die Türken sind alle aggressiv!” ist, müssten diese einmal erklären.
Frustrierend ist es, mit diesen Menschen einfach nicht diskutieren zu können. Genauso wie Templer- und Illuminatenheinis leben sie in ihrer kleinen Parallelwelt, in der richtige Kritikansätze mit extremistischen Hassfantasien vermischt werden.
Kurzum: Die selbsternannte “Möchtegern-Bildungsschicht” einiger “Standard”-Leser ist nicht existent.
Schade, dass Cheney nicht tot ist!
Die schlimmste Situation, die ich lesen musste, waren die Reaktionen auf einen missglückten Anschlag auf Dick Cheney in Afghanistan vor vielen Monaten.
Da gab es tatsächlich welche, die ihr Bedauern äußersten, dass Cheney nicht ins Jenseits befördert wurde.
Und Poster, die Verständnis bezüglich Terroranschläge im Irak äußern - die übrigens meistens Muslime töten - gehören keinesfalls zur Seltenheit.
Hoffnungen
Zu hoffen ist, dass Küng so spurlos verschwindet wie einst Naomi Klein.
Zu hoffen ist, dass der “Standard online” ein anderes Beitragssystem einführt.
Zu hoffen ist, dass sich junge Journalisten wie Tom Schaffer beim “Standard” vermehrt durchsetzen.
Zu hoffen ist, dass einige USA-Hasser irgendwann geistig erwachsen werden und aus ihrem “Um intellektuell zu sein muss man auf die USA hauen”-Wahn erwachen.
Es ist nämlich gar nicht so schwer, das Individuum dem Kollektiv vorzuziehen, kritisch zu denken, Kritik dann anzubringen, wann sie angebracht ist: Nicht, um auf das verhasste Amerika zu dreschen, sondern der Sache wegen.
Abschließend soll noch einmal eindeutig Position bezogen werden: Antiamerikanismus ist meines Erachtens Rassismus und ein Zeichen für große Dummheit in Sachen Sozialkompetenz, Menschlichkeit und politischer Urteilskraft.
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Die Süddeutsche Zeitung hat den Artikel auch abgedruckt (was nicht weiter verwundert):
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/986/157566/
Wie so oft gilt auch in diesem Artikel die “Freunde!”-Regel: Wenn Personen sich als “Freunde”, verschärft “echte/wahre Freunde” Israels oder Amerikas bezeichnen, dann weiß man gleich, dass gequirlte Ka… kommt, weil die Länder dann für alles Negative in der Welt verantwortlich gemacht werden.
küng erscheint unter “kommentar der anderen”. er ist kein mitglied der redaktion. (und “kda” sind übrigens eine zeitungs-sparte)
seine aktuelle kolumne die du verlinkt hast finde ich übrigens nicht grundlegend schlecht. sie ist in meinen augen eigentlich nur auf das verhalten israels und die dortige unterstützung der usa hin viel zu unreflektiert und einseitig. da dürfte, vermute ich, auch der grund deiner erbostheit begraben liegen. die dinge die er im bezug auf die amerikanische außenpolitik und kriegsführung der letzten jahre anspricht sind zwar meinungssache (und auch nicht immer meine meinung), aber im großen und ganzen doch legitim.
aber dazu wollte ich gar nichts sagen, sondern gegen das bild, das du vom standard und seinen lesern gibst.
wegen der veröffentlichung solcher kommentare im allgemeinen. ich verstehe schon, dass dich das aufregt. es wäre aber doch zu kurz gegriffen, dem medium da einen bias zu unterstellen. immerhin druckt der standard im gegenzug auch kommentare von leuten wie broder ab (was wiederum mich sehr ärgert ;)). die kommentarseiten werden eben als eine freie plattform verstanden, wo alles seinen platz findet, was als legitime meinung in diesem land durchgeht. darüber kann man sich manchmal ärgern, aber das ist ja auch der sinn und zweck der sache - intellektuelle debatten überhaupt zu ermöglichen. ein anderes vergleichbares forum gibt es dafür in österreich ja afaik überhaupt nicht.
was du bezüglich der leser sagst, bedenke folgendes: es ist ein grundlegendes gesetz von medien, dass höchstens 5% der konsumenten sich auch an feedback-instrumentarien beteiligen. und von denen sind dann halt einige sehr bescheuert. kann man leider nicht vermeiden.
man muss aber aufpassen, dass man anhand gewisser pleampl nicht das bild vom großen ganzen verliert. zumal sich immer wieder zeigt, dass viele die “besonders gescheit” posten eher gar keine standard-leser sein dürften (kann ich mir zumindest nicht vorstellen: so sehr wie die uns immer wieder ihren hass gegen den standard mitteilen ;)). aber das internet ist halt frei. man muss weder lesen können noch eine zeitung kaufen, um in einem forum posten zu können.
ich muss dir nicht sagen, dass die foren gerade auch für mich sehr oft sehr mühsam sind (immerhin muss ich sie jeden tag mitmoderieren, da bekommt man noch viel drastischeres zu lesen, als das, was uns und dem computer schlussendlich durch die finger rutscht), aber von diesen trotteln auf einen größeren teil der leser zu schließen, wird der ganzen sache glaube ich nicht gerecht. außerdem muss man aufpassen, dass man die guten kommentare nicht überliest, in seinem schrecken vor den schrecklichen. passiert mir aber auch oft…
PS: in der online-redaktion (die ja von der zeitung unabhängig ist) setzen sich mit sicherheit junge journalisten durch. alte gibts da so gut wie nicht
Personen, die in Printmedien (1) Kolumnen schreiben (oder für die in deren Namen Kolumnen geschrieben werden), ebenso wie Personen, deren (2) Kommentare in Printmedien als Kommentare abgedruckt werden, nennt man nicht Journalisten und idR handelt es sich bei diesen Personen auch nicht um Journalisten.
Freilich können auch Personen, die in ihrer Berufsbezeichnung Journalisten heißen und einer Tätigkeit nachgehen, die journalistisch genannt wird, ihrerseits Kolumnen und/oder Kommentare verfassen und veröffentlichen. Das macht nur nicht alle Verfasser von Kommentaren zu Journalisten.
(Leserbriefschreiber sind wohl ebensowenig Journalisten und auch hier gilt wieder, das Journalisten deswegen trotzdem Leserbriefe schreiben können. Siehe die Krone.)
Der Unterschied ist im übrigen keine Spitzfindigkeit.
es geht außerdem nicht um eine kolumne sondern einen kommentar- aber das ist vielleicht eine spitzfindigkeit
Man hat hier nicht mich, sondern den Standard verlinkt. *beleidigt aufstampf*