Spezial-Beitrag: Wir sind Opfer! - Alles beim Alten!
70 Jahre ist es also her, dass Österreich Teil des “Deutschen Reiches” unter Nazideutschland wurde. Wenn man Geschichte studiert, ein bisserl in der Geschichtsstunde in der Schule aufgepasst hat, wenn man Zeitung liest oder das Medium Internet sinnvoll nutzt, fragt mich sich schon: Wozu denn noch diskutieren? Gewiss: Das Thema gehört alleine nur deswegen diskutiert, eine Erinnerungskultur zu etablieren. Doch in der österreichischen Diskussion geht es nicht darum, geschichtlicher Verantwortung nachkommen. Die Frage dreht sich stets nur um die Opferthese. Man ist also noch immer geistig im Kriegsende 1945 steckengeblieben. Das ist armselig, ja intellektuell eine Beleidigung, aber typisch österreichisch.
Dollfuß? Ist des a Hundename?
Geschichte versteht man erst, wenn man nicht nur politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte eines Themenspektrums erfasst, sondern auch einen gesamtgeschichtlichen Überblick über die Vorgeschichte besitzt. Es reicht schon, mit dem Geschichtsstudium ab 1900 zu beginnen, um 1938-1945 zu verstehen und zu erklären. Noch besser wäre es, bis tief ins Mittelalter zu blicken, als der Antijudaismus in Österreich ärgste Blüten trieb. Doch das ist anscheinend für den durchschnittlichen Bürger schon zuviel verlangt.
Ausgerechnet bei all jenen Dingen, die keine schönen Erinnerungen hervorrufen, wird der Österreicher vergesslich. Sissi, die Magersüchtige und Depressive kennt jeder, die Türkenbelagerung können besonders Wiener auswendig herunterratschen, aber mit dem Namen Dollfuß können 40 % der Österreicher nichts anfangen. Aber ist ja eh egal. Warum soll man den Dollfuß auch kennen? War doch nur ein kleiner Wicht, der den österreichischen Parlamentarismus ausschaltete, die Linke terrorisierte und bekämpfte, einen Katholiken-Fundi-Austrofaschismus begründete, ein autoritäres Regime führte, und der Nachfolgeregierung einen Antisemitismus der Sonderklasse weitervererbte, sodass so sehr politisch der Weg für den unfassbaren gesellschaftlichen Antisemitismus legitimiert wurde, dass sich sogar führende Nazis verwundert über den Judenhass von Herrn und Frau Österreicher die Augen rieben?
Ob es nur ein Bereich der wachsenden Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit für humanistische Bildung in der Gesellschaft ist, oder ob das Schulsystem wieder einmal versagt, bleibt dahingestellt. Fakt ist, dass ein Teil der Bevölkerung ihrer natürlichen Bürgerpflicht nicht nachkommen will, sich ordentlich über die Landesgeschichte zu informieren. Idiotie ist es, Dollfuß zu “bewundern”, wie es ein Viertel der Österreicher tun. Idiotie ist es, zu behaupten, Dollfuß hätte nicht die Demokratie zerstört, wie es 20 % der Österreicher tun. Aber hier tut sich eben ein weiteres Problem dieses Landes hervor: Es wird eifrig diskutiert und mitgeredet, ohne fachlichen Background zu besitzen.
Es sind nicht nur die Politiker schuld, die immer wieder als Sündenbock herhalten müssen. Österreich, unliberal wie eh und je, verfügt über kein Bildungsbürgertum. Denn jene, die dies einst gebildet haben, endeten im Exil oder im Konzentrationslager. Auch diese Erkenntnis in der Allgemeinbildung wäre schon ein Funken Hoffnung auf Besserung. Selbst das scheint zu viel verlangt.
Kaiserlich versagt
Der Festakt der ÖVP zum März 1938 hat die ÖVP bestens charakterisiert. Während die SPÖ ihre braunen Flecken dank Caspar Einem hervorragend größtenteils geklärt hat, ruht die ÖVP in vergangenheitsverklärender Pose. Dass die ÖVP eine “Volkspartei” ist, kommt nicht von ungefähr.
Neben der Tatsache, dass diverse Dollfuß-Bildchen in ÖVP-Einrichtungen hängen, als wäre das der nette Onkel von nebenan, der wie selbstverständlich gewürdigt gehört, sieht sich die ÖVP als wurschtelige Vertreterin der Opfer-und nur ein ganz bisserl Täter-Theorie. Natürlich gibt es aufgeklärte Kräfte innerhalb der Partei, die nur den Kopf darüber schütteln. Aber es ist die alte ÖVP, die das alte Denken aufrechterhält. Kein Zufall ist es also, dass man den “kaiserlichen” Otto Habsburg eine Rede halten lässt, worin dieser dann sagt: “Es gibt es keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als es Österreich gewesen ist”.
Das ist angesichts der zahlreichen österreichischen Kriegsverbrecher eine höchst interessante Aussage. Das ist angesichts der 65.000 Juden, die aus Österreich in Konzentrationslager geliefert und getötet wurden, sich meist die österreichischen Nachbarn über die Übernahme des Besitzes der Juden freuten und später so getan haben, als hätten sie das Verschwinden des Herrn Rosenblatts niemals bemerkt, eine höchst interessante Aussage. Das ist angesichts der Massenhysterie in Österreich angesichts des Anschlusses eine höchst interessante Aussage. Das ist angesichts des begeisterten Antisemitismus eine höchst interessante Aussage. Das ist angesichts der zahlreichen Mitläufer und Täter aus Österreich eine höchst interessante Aussage. Die Wahrheit ist: Es ist keine Aussage. Es ist eine unglaublich infame Verhöhnung aller Opfer des Nationalsozialismus, die wegen österreichischer Staatsbürger ums Leben gekommen sind. Und das von einem Politiker, der eine umfangreiche Ausbildung genossen und Ansehen über die Parteigrenzen hinaus behaupten kann.
Doch das ist noch nicht alles.
Habsburg meinte auch:
Den Auftritt Hitlers am Heldenplatz und die Bilder der jubelnden Menge verglich Habsburg mit Einmärschen der Nazis in anderen europäischen Hauptstädten. ” Man zeigt noch immer die Filme des Heldenplatzes auf dem es 60.000 Leute gegeben hat - das ist wahr. Aber schauen Sie, bei jedem Fußballereignis kann man 60.000 Leute zusammen trommeln”.
Dann soll Herr Habsburg einmal erklären, warum nur in Österreich von Stadt bis Land die Nationalsozialisten freudig begrüßt wurden. Dann soll Herr Habsburg einmal erklären, warum 250.000 (!!!) Menschen den Heldenplatz füllten. Das Märchen, wonach dies eine reine Propagandainszenierung gewesen wäre, ist eine geschichtswissenschaftliche Chuzpe.
Und besonders wäre eine Erklärung von Habsburg interessant, warum es in der Prager Innenstadt komplett leer war, als die Nazis einmarschierten. Vor Begeisterung daheim in Ohnmacht gefallen?
Nun stellt sich die Frage: Soll man Habsburg ignorieren oder abwatschen? Nein. Man muss diesem Schwachsinn entgegnen, aufklären, fachlich und sachlich antworten, offensiv auf die Bevölkerung zugehen und sagen: Leute, so war es aber nicht!
Man braucht keinen Kreisky, um mit dem allessagenden Satz “Lernen’s Geschichte!” das Fazit dieses Beitrages zu eruieren. Bei Habsburg nützt es nichts mehr, aber bei unseren Kindern schon.
Die URI zum TrackBack dieses Beitrags lautet: http://liberalinaustria.wordpress.com/2008/03/11/spezial-beitrag-wir-sind-opfer-alles-beim-alten/trackback/
du hast natürlich uneingeschränkt recht, aber ich muss dir sagen, dass ich schon gestern abend wusste, dass dieser beitrag von dir kommt. etwas vorhersehbar
Mein nächstes Blogziel: Tom überraschen!
Nur eine, hoffentlich nicht komplett mißverständliche Anmerkung bei voller Zustimmung: Man muss, wenn man Geschichte “verstehen” will, vor allem auch aufpassen, dass man die Geschichte und vor allem die in ihr handelnden Personen nicht ausschliesslich mit heutigen Maßstäben misst…
Es macht nicht unbedingt fürs Lernen aus der Geschichte, sehr wohl aber fürs “Verstehen-Wollen” der damaligen Umstände und der in dieser Zeit lebenden Menschen eben einen Unterschied, ob man in den 1930ern Kommunist war - oder es heute noch ist, auch ob man in den 1930ern Nationalsozialist war - oder es heute noch ist, und auch ob man in den 1930ern Dollfuss mochte oder ihn heute noch glühend verehrt.
Umgekehrt auch, ob man 1930 von der Demokratie restlos überzeugt war - oder es (spannenderweise…
heute ist.
Insofern versuche ich Dollfuss als Person differenziert zu beurteilen - aus seinen richtigen Überzeugungen (gegen die Nazis und auch gegen die damals weitverbreiteten Anschlusssehnsüchte) und aus seinen falschen Überzeugungen (Nicht-Überlebensfähigkeit des österreichischen Demokratie-Versuchs, mehr war es ja damals noch nicht). Er war ein Nicht-Demokrat inmitten sehr vieler, sehr mächtiger und grossteils noch schlimmerer Nicht-Demokraten von linksextrem bis rechtsextrem.
Insofern versuche ich auch irgendwie den Stab nicht allzu laut über meiner längst verstorbenen Oma zu brechen, der es durchaus warm ums Herz wurde, wenn sie an Dollfuss dachte… wenn man damals in Österreich sowohl gegen Nazis, als auch gegen Kommunisten war und katholisch-bürgerlich sozialisiert, dann war man tendentiell für Dollfuss - oder gehörte zu einer Handvoll intellektueller Vordenker, die es tatsächlich damals schon besser wussten. Meine Oma, sozialdemokratisch zu denken war für sie eben keine Option, aber sie hat mir erzählt, wie das war als sie in die Mündung links- und rechtsextremer Pistolenträger geblickt hat - und den ganzen Horror irgendwie überlebt hat… ich darf es also heute sowohl besser wissen und sie trotzdem noch mögen.
Dollfuss Bild aber an die Wand zu hängen und es bis zum Jahr 2008 nicht wieder abzunehmen, da kann ich natürlich in keiner Weise mit… das ist geradezu absurd. Noch dazu, wenn es sich nicht um meine Oma, sondern um eine Partei handelt, die sich als staatstragend bezeichnet. Sie hatte übrigens kein Bild von ihm, denn sie wusste schon, dass sich die Zeiten geändert haben…
In der Hoffnung, dass man sowas anmerken kann ohne in die Reihe der Verteidiger völlig überholter Haltungen eingereiht zu werden.