“Waterboarding” - Wenn der Hinweis auf Folter selbst zur Folter wird

Amnesty international ist eine wichtige Organisation. Unrecht muss beobachtet werden. Unrecht muss beachtet werden. Unrecht muss beschrieben, analysiert und bewertet werden. Dies sind nur wenige Aufgaben dieser eigentlich ehrenwerten Organisation. Aber auch Organisationen können ideologisiert werden, auf einer Welle des Mainstreams mitschwimmen, gerade wenn sie populistische Zustimmungen gewinnen wollen.

AI weist gerne auf die Folterstaaten dieser Welt hin. Doch hat diese Organisation schon lange gemerkt, dass ein allgemeiner Hinweis nicht zieht. Schon gar nicht ziehen in Europa Berichte über Folter in China, außer, wenn es die Tibeter betrifft, weil der Dalai Lama so lieb lächelt. Andere gebeutelte Minderheiten in China sind nicht von Interesse. AI braucht auch gar nicht über die vielen vergewaltigten tschetschenischen Frauen berichten, über die die russischen Soldaten hergefallen sind. Im Gegensatz zu den USA, wo derartiges Verhalten sofort bestraft werden würde, haben die russischen Soldaten in Tschetschenien Narrenfreiheit.
Ebenso würden keine Hinweise auf die Verbrechen der Taliban oder der Al Kaida der Renner sein. Dass die Taliban ihre zwölfjährigen Kinder die Köpfe von Gefangenen abschneiden lassen, als Ritual zur “Mannwerdung”, wird keine Aufmerksamkeit schüren. Dass in Saudi Arabien Menschen schon mal für Diebstahl ihre Hände verlieren können, oder dass in einigen “orientalischen” Foltergefängnissen noch die “Eisener Jungfrau” stehen soll, ist halt auch unspektakulär.
In Afrika regieren Warlords, die es lieben, das Fleisch ihrer Feinde zu verspeisen oder den Krokodilen zum Fraß vorzuwerfen. All das macht keine Aufmerksamkeit!

Daher bleibt AI gar nichts anderes übrig, um irgendetwas über DEN Hass-Staat zu bringen, ein Anti-Waterboarding-Video gegen die einzige verbliebene Supermacht der Welt.
Gewiss: Eine Schande ist es, dass diese “Verhörmethode” in Guantanamo und in Geheimgefängnissen existiert. Unentschuldbar ist es, dass Bush und Co. dies auch noch öffentlich rechtfertigen. Völlig inakzeptabel, ekelerregend, grausam.

Der Eindruck ist aber nun einmal so, dass die USA pauschal wieder einmal als “Satan” - als Mittel für den Zweck - herhalten müssen. Bei aller gerechtfertigten Kritik, die geäußert werden muss, sind die USA nicht mit Foltersystem-Staaten wie Iran, Saudi Arabien oder China zu vergleichen.
Zudem es eine psychologische Erklärung (keine Entschuldigung!) gibt: Die Vereinigten Staaten sind traumatisiert, sie wurden angegriffen, tausende Menschen am 11. September ausgelöscht, Solche Ereignisse fressen aus Angst die Seele auf, man akzeptiert Dinge, die man sonst nie akzeptieren würde. Die Zeit wird die Wunden heilen, der Anfang beginnt mit dem Ende von Bush. Diesen Eindruck hat man von anderen Staaten nicht, und das ist der große Unterschied. Die USA haben sich immer schon selbst “geheilt”.
Folter ist kein “amerikanisches” Problem, sondern ein weltweites Problem. Man darf nicht vergessen, dass es in Österreich gar nicht so lange her ist, dass Folter erlaubt war, oder das diverse Schubhäftlinge von Behörden eine “Extrabehandlung” zu spüren bekamen. Folter beginnt schon bei der Bevölkerung selbst: In Deutschland hatten viele Verständnis für jenen Polizisten, der mit Folterdrohungen die Wahrheit aus einem Pädophilen herauspressen wollte.

Dieses globale, allumfassende Problembewusstsein existiert jedoch nicht. Nur als Teil einer antinationalen Bewegung ist es in einer offensichtlich leicht überforderten Gesellschaft möglich, begeisterte Aufmerksamkeit zu erlangen, sei es früher der Hass auf alles “Jüdische”, der Hass auf alles “Französische”, oder der aktuelle Hass auf Israel oder die Vereinigten Staaten.

“Waterboarding” ist übrigens eine europäische Form der Folter. Ihr Entwicklungsstadium erreichte unter der spanischen Inquisition ihren Höhepunkt.

Veröffentlicht in: on April 25, 2008 at 1:15

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3 Kommentare Leave a comment.

  1. On April 25, 2008 at 5:31 Georg Said:

    AI weißt durchaus auf andere Brennpunkte hin. Sogar sehr oft. Nur ist AI auch angewiesen auf die Medien (zum einen, weil so etwas weitertransportieren, was AI allein nicht kann, und auch zwecks der eigenen Existenz, weil durch mediale Präsenz mehr Leute zu Spenden/Beitritt animiert werden).

    Da gehört die Waterboarding-Geschichte auch dazu. Das transportieren die Medien halt viel lieber, als irgendwelche anderen Sachen die AI ebengalls anprangert. Aus welchen Gründen auch immer - meinetwegen auch wegen antiamerikanischen Tendenzen der Medien.

    Wenn AI Menschenrechtsverstöße in Tibet jetzt forciert, dann ist das geschickt, heisst aber nicht, dass sie die Situation dort vorher ignoriert hätten. Die Medien allerdings schon, und jede AI Kampagne ist auf mehr oder weniger verlorenem Posten, wenn die Medien sie nicht ausreichend stützen bzw. inhaltlich aufgreifen.

    AI ist genausowenig antinational wie es pronational ist, weil es prinzipiell Verstöße in allen Ländern aufgreift. Welche Medien wo was aufgreifen, kann AI aber nur begrenzt steuern. Durch Olympia 08 ist, was Tibet angeht, die mediale Plattform gegeben. Sie nicht zu nutzen, wäre dumm. Amerika gibt durch seine weltpolitische Position freilich auch eine gute Position ab - es stellt sich aber die Frage, ob jemand der in der Welt viel zu sagen hat, nicht auch im gleichen Verhältnis Kritik gegenüber eigenen Verfehlungen einstecken können muß. Das die mitunter überzogen ist weiß ich, man kann das aber nicht AI anlasten.

    Der Verweis auf Menschenrechtsbruch in Österreich (den AI genauso anprangert), frühere Hasstendenzen oder die spanische Inquisition macht Waterboarding auch nicht netter.

  2. On April 25, 2008 at 6:11 Tom Schaffer Said:

    falsche kritik. AI ist was kritik anbelangt doch wirklich nicht vorzuwerfen, dass sie irgendjemanden nicht anprangern. und was guantanamo bay (und das ein oder andere gefangenenlager rund um den globus) anbelangt sind die usa im moment leider sogar mit folterstaaten zu vergleichen. dass es ein quantitativ anderes ausmaß ist, ist schon richtig. das weiß und kommuniziert auch AI (wenn sie die USA in einer liste eben nicht vor china oder burma reihen). ich bin mir sicher, AI würde die USA lieber nicht kritisieren müssen. aber leider hat die bush administration den weg der folter zugelassen. dafr gehört er mitsamt seinem führungsstab eigentlich wegen verbrechen gegen die menschlichkeit verklagt.

    das problem ist, dass man das kaum sagen darf, weil das sofort als antiamerikanisch aufgefasst wird. natürlich gibts noch weit größere verbrecher. aber ein mörder bleibt auch ein mörder und wird nicht besser, blos weil er kein serienmörder ist.

  3. On April 27, 2008 at 1:58 lindwurm Said:

    Ich habe mit dieser AI-Aktion kein Problem, denn ich halte es NICHT für antiamerikanisch, darauf hinzuweisen, dass im Zuge des - gerechtfertigten - Kampfes gegen den Terrorismus ganz offiziell zum Mittel der Folter gegriffen wird. Für Folter gibt es keine Rechtfertigung, darf es keine geben, ganz egal, wer der Folterer ist oder welchen Zweck die Folter hat. Ich meine sogar, dass man die USA in Sachen Folter noch viel genauer unter die Lupe nehmen sollte, da dort auch im Rahmen des “normalen” Strafvollzuges Folter systematisch zur Anwendung kommt. Ich verweise hier auf die sogenannten “Supermax”-Gefängnisse, in denen die Insassen 23 Stunden pro Tag in Isolationshaft verbringen und sehr oft nicht einmal Bücher lesen dürfen. Wer meint, das sei keine Folter, der sollte so eine Isolation mal an sich selber ausprobieren. Und das Thema Todesstrafe ist auch eines, das mit dem Thema Folter eng verbunden ist, denn es ist wohl unbestreitbar, dass es eine kaum vorstellbare Qual ist, genau zu wissen, wann und wie man sterben wird. Nur weil die Menschenrechtslage in vielen anderen Staaten und Regionen noch viel schlimmer ist, macht das die Kritik an Menschenrechtsverletzungen seitens der USA nicht weniger ernst oder wichtig. Problematisch wird es, wenn doppelte Standards bei der Bewertung von Menschenrechtsverletzungen zur Anwendung kommen, wenn also Folter made in USA als viel schlimmer wahrgenommen und viel heftiger kritisiert wird, als die Folter in der restlichen Welt.

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