Eigenverantwortung? Das Österreichische am Inzest-Fall
Der Inzest-Fall wird in den Medien unerträglich ausgeschlachtet. Entweder hilft nur ignorieren, oder analysieren. Ich entscheide mich für den zweiten Punkt, auch, wenn es bisweilen etwas weh tut.
Schmerzen bereiten weiterhin die Ausfälle internationaler Klopapier-Medien, die einen Zusammenhang von “Verliesen”, “Vergewaltigern” und österreichischen “Genen” erstellen wollen. Selbst der “Guardian” hat nicht davor zurückgeschreckt und wird von mir aus meinem Feed Reader verbannt.
Gehobenere Medien haben jedoch eine etwas feinsinnigere Richtung eingeschlagen. Am Inzest-Täter sei nichts österreichisches, sehr wohl aber am Umfeld. Und das trifft es genau, was Thomas Bernhard, Jelinek und sonstige als “Vernaderer” denunzierte Intellektuelle predigten.
Denn plötzlich treten die mediengeilen österreichischen Ratten hervor, meist vor ausländischen Medien, genau jene, die während ihrer Kontakte mit dem Inzest-Franz nichts bemerkt haben wollen, aber sich nun doch, weil man halt ins Rampenlicht kommen kann, an komische Auffälligkeiten erinnern. Plötzlich treten zahlreiche Ex-Mieter von Mieteigentümer Franz F. hervor, die - als hätten sie ein Aha-Erlebnis - über diverse “Das sollte man eigentlich schon der Polizei melden”-Auflagen berichten: Auffällige Lebensmitteltransporte, pochen, kratzen und scheuern aus dem Keller, und natürlich der absolute Gipfel: Ein Mieter wusste sogar über Vergewaltigungsgerüchte bezüglich der Tochter von Franz F. durch eine Jugendfreundin der Tochter bescheid. Diese Jugendfreundin sei mit Elisabeth F. nach Wien geflüchtet, aber dann doch quasi “abgefangen” worden.
Es sei ja alles so einfach, würden jetzt einige sagen. Man mischt sich nicht in die Privatangelegenheiten anderer ein, würden andere sagen. Das sind die typischen österreichischen Antworten.
Fakt ist: Es haben Menschen über Vergewaltigungsgerüchte an Elisabeth gewusst. Es haben besonders einige Mieter vom spurlosen Verschwinden von Elisabeth gewusst. Eins und Eins zusammenzählen ist halt dann schwer, besonders, wenn man gerne im gemütlichen Mietshaus weiterleben möchte und zuerst eher an sich selbst denkt, wie etwa jener Herr, der auf das Angebot, das “komische Klopfen im Keller zu untersuchen”, gleich eine Mietsvertragsauflösung angedroht bekam, vom Inzest-Franz verständlich. Warum da solch unangenehme Details an die Polizei verraten, als sie das Verschwinden von Elisabeth untersuchte? Da ist es dann doch viel bequemer, wenn es schief geht wie jetzt, DEN Behörden wie die Polizei die Schuld zu geben. Die haben eben nicht ordentlich verhört, wie es sich gehören würde.
Aber wenn da die BBC anklopft, muss man das schon ausnützen, gelle?
Null Eigenverantwortung
Hier offenbart sich nicht nur die Ich-Bezogenheit, die natürlich ein globales menschliches Problem darstellt, sondern auch die österreich-spezifische Verantwortungslosigkeit. Die Behörden werden es schon richten, nur die Behörden sind verantwortlich. Die Behördenobrigkeit, die jede Eigenverantwortung - dankbar - abgibt, ist ein Erbe der Habsburger-Monarchie. Schön war die Zeit, als man das eigenständige Denken an den Kaiser oder die Kaiserin abgeben konnte. Nun, in dieser ach so komplizierten Demokratie ist es eben praktisch, die demokratischen Behörden als Denk- und Verantwortungsorgane zu verstehen, denen man gegebenenfalls im schlimmsten Fall die Schuld für alles Böse übertragen kann. Der Staat als Herrgott und Sündenbock zugleich.
Gewiss gibt es dieses Phänomen in anderen Ländern. Doch nirgends wurde die Verantwortungslosigkeit so tradiert, ja so verbreitet und willig angenommen wie in Österreich.
Ducken, wegsehen, nur auf sich achten, und erst etwas sagen, wenn es einen Vorteil verspricht. Auch, wenn es für die Opfer zu spät ist.